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Eine Quäkervision Europas (Am 2. Dezember 2001 angenommen vom Quaker Council for European Affairs)
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Wir stellen uns ein Europa vor, das zu einer friedvollen, mitfühlenden, offenen und gerechten Gesellschaft wird.

In vollem Bewusstsein der Mangelhaftigkeit unseres Verständnisses, der Schwäche unserer Entschlossenheit und der Unvollkommenheit unseres Beitrages streben wir diese Ziele mit Liebe und Mitgefühl an.

Wir stellen uns Europa als Völkergemeinschaft vor, die sich selbst und anderen Völkern gegenüber handelt wie sie gerne von anderen behandelt würde.

Völkermord, Sklaverei und ethnische Säuberungen haben uns allzeit begleitet. Wir Europäer haben sie industrialisiert, zu politischen Instrumenten gemacht und bestärken andere in ihrer Barbarei.

Wir stellen uns ein Europa vor, dass eine Alternative zur unvermeidlichen Selbstzerstörungssucht des Imperialismus gefunden hat.

Europas unmittelbare Vergangenheit ist eine qualvolle Reihe von Tragödien, die aus Expansionshunger und Verblendung des Ruhmes geknüpft sind. Wir erkennen das Unrecht an, das wir anderen Kontinenten und anderen Völkern zugefügt haben und müssen die Last der Wiedergutmachung mittragen. Wir arbeiten daran, alle diese eigennützigen und trügerischen Rassenmythen zu Grabe zu tragen, die uns eine irregeleitete Wissenschaft mit allen diesen konkurrierenden Nationalismen und mörderischen Ideologien, die unser letztes Jahrhundert so sehr verunstaltet haben, aufgetischt hat. Wir erkennen die Vielfalt der Völker und der Kulturen der Welt an und sind darüber hoch erfreut ; wir sind bestrebt, das Grundrecht auf kulturelle Integrität zu gewährleisten.

Wir stellen uns ein Europa vor, dessen Erfolg an der Zahl der friedlich und gerecht gelösten Konflikte und nicht an der Zahl der gewonnenen Kriege oder vollzogenen Racheakte gemessen wird.

Europa ist ein Kontinent voller – meist in Vergessenheit geratener - Kriegsfriedhöfe und jetzt noch werden solche gegraben. Wir dürfen diesen kataklistischen Wahnsinn, bei dem ganze Nationen Amok gelaufen sind, niemals vergessen. Wir verabscheuen Krieg als Mittel zur Lösung internationaler Konflikte und verwerfen ihn radikal. Unsere Ambitionen müssen das Streben nach Vorherrschaft meiden und eher Harmonie, Gerechtigkeit, Versöhnung und Wohlstand für alle zum Ziel haben.

Wir stellen uns ein Europa vor, das - aller Arroganz beraubt - seine Verantwortung für und seine Abhängigkeit von der globalen Umwelt akzeptiert, das unseren kleinen Planeten als ein einziges Ökosystem, ein gerechtes Wirtschaftssystem, eine Heimat für alle betrachtet.

Wir erkennen unsere gegenseitige Abhängigkeit an und sind uns dessen bewusst, dass unser Erfolg nur durch den Erfolg des gesamten Weltsystems sichergestellt werden kann. Wir suchen eine Erde, die wiederhergestellt worden ist und respektiert wird. Wir lehnen eine Wirtschaft ab, in der es unvermeidlich Ausbeutung und Verlierer geben muss. Wir streben danach, die Teile unserer Wirtschaft, die Vernichtungsmittel herstellen, in konstruktive Tätigkeiten umzuwandeln.

Wir stellen uns ein Europa vor, dessen Regierungen im Dienste ihrer Gemeinwesen stehen. Diese Regierungen müssen über private und begrenzte Interessen hinausgehen, voller Weisheit und Vorsorge über den Kirchturm, den nächsten Jahresbericht und die nächste Wahl hinaus schauen, und langfristig das Gute suchen.

Eine Regierung kann befreien, Möglichkeiten schaffen, Sicherheit gewährleisten, den Rechtsstaat schaffen, der für die Zivilisation, für alle menschliche Beziehungen unerlässlich ist. Sie kann uns vor dem Chaos, vor unserem eigenen Egoismus, vor unserer eigenen Kurzsichtigkeit schützen. Wenn eine Regierung uns zwar nicht davon überzeugen kann, dass unsere Ökonomien und unser Leben durch etwas anderes beseelt werden sollten als durch Habgier – denn dies ist etwas, was wir selbst entdecken müssen – so kann sie doch die Auswirkungen dieser Habgier mildern.

Wir sind uns sehr wohl dessen bewusst, was eine Regierung nicht für uns tun kann. Sie kann unserem Leben keinen Sinn verleihen, uns nicht glücklich machen oder uns von der Notwendigkeit befreien, selbst in der privaten und öffentlichen Welt, in der wir leben, unsere eigene Wahl zu treffen. Was das formale Recht nicht verbietet, ist nicht notwendigerweise gestattet. Wir sind uns auch voll und ganz dessen bewusst, dass Regierungen uns in vielen Fällen unglücklich machen können und uns zu moralischen Entscheidungen zwingen, die wir nicht zu treffen haben. Regierungen und soziale Strukturen können unsere Seele, unseren Geist und unseren Körper behindern und hemmen. Das Leben in der Gemeinschaft darf uns nicht blind machen vor dem Göttlichen in uns selbst und im anderen.

Wir stellen uns ein Europa vor, das die grundlegende, unverbrüchliche Heiligkeit eines jeden Individuums anerkennt.

Unser Recht muss befreiend und schützend und nicht repressiv oder ausbeuterisch sein und muss auf diese Weise empfunden werden. Der Starke braucht keinen Schutz, sondern Regelungen; der Schwache braucht das Recht für ureigenes Überleben. Unsere Rechtsvorschriften müssen im Dienste aller stehen.

Wir stellen uns ein Europa vor, das denjenigen, die hier ein schützendes Dach suchen, Gastfreundschaft bietet.

Wir sind ein Kontinent von Flüchtlingen, da viele von uns und viele unserer Familien selbst die Flucht ergriffen haben. Legt man die Geschichte als Maßstab an, so könnte es sein, dass wir dies nochmals tun müssen. Wir sollten uns daher durch die Notlage eines Fremden in einem fremden Land angesprochen fühlen. Wir sollten auch die Probleme, die durch Ströme von Flüchtlingen und Immigranten geschaffen werden könnten, ehrlich anerkennen und vorsorglich damit umgehen. Die Neuankömmlinge dürfen nicht an den Rand der Gesellschaft gestellt, sondern müssen in die Lage versetzt werden, sich in unser Gemeinwesen zu integrieren, wie auch wir es getan haben.

Wir stellen uns ein Europa vor, das die unzähligen Formen anerkennt, in denen seine Bürger ihre Meinung zum Ausdruck bringen und das diese Bürger anhört. Das Recht auf freie Religionsausübung und auf politische Vereinigung muss gewährleistet sein und gefördert werden.

Das freie Vereinigungsrecht ist für das Funktionieren einer Gesellschaft von grundlegender Bedeutung. Einzelpersonen müssen in der Lage sein, sich zusammenzuschließen, um sich nicht der Gefahr auszusetzen, von einer riesigen Komplexität erstickt zu werden. Die Vereinigungen, die sie bilden, müssen aber auch das grundlegende Recht anderer anerkennen, sich zusammenzuschließen und nach den Regeln unparteiischer Gesetze mit ihnen zu konkurrieren. Was wir für uns selbst fordern, müssen wir auch anderen gewähren. Auch die organisierte Religion muss schließlich die jahrhundertealte Versuchung überwinden, die darin besteht, eher aufzuzwingen als einzuladen, eher zu erzwingen als zu überzeugen.

Wir stellen uns ein Europa unparteiischer und gerechter Strukturen vor, ein Europa, das transparent regiert wird, ein Europa, in dem das Subsidiaritätsprinzip der Demokratie Gehalt und Form verleiht, in dem Informationen frei zugänglich sind, in dem Institutionen und Einzelpersonen verantwortlich sind, in dem Integrität belohnt wird.

Wir wissen, dass es niemals ein System geben wird, dass so perfekt wäre, dass niemand darin gut sein müsste. Moralische Entscheidungen müssen von den einzelnen Menschen immer in dem Bewusstein getroffen werden, dass ihre persönliche Verantwortung niemals auf eine Organisation abgeschoben werden kann.

Die Bürger müssen ihre Urteilsfähigkeit nutzen können, wenn Demokratie mehr als nur leere Worte sein soll. Das Recht der freien Meinungsäußerung ist eine hohle Schale, wenn es nicht intelligent auf der Grundlage angemessener Informationen ausgeübt werden kann. Wahrheit ist ebenso entscheidend wie sie schwer fassbar ist. Die Medien, deren Monopolisierung durch globale Konglomerate zu echter Besorgnis Anlass gibt, und die Informationsorgane der Regierungen haben hier eine vitale Rolle zu spielen, die aber aus Furcht vor der Versuchung, aus reiner Öffentlichkeitsarbeit und Propaganda verformt zu informieren, einer unabhängigen Überwachung bedarf.

Wir stellen uns ein Europa vor, in dem die Privatunternehmen nicht nur dem Gewinnstreben nachgehen, sondern auch zu der Gesellschaft beitragen, die diese Gewinne ermöglicht. Sie haben eine wichtige Rolle in der Bürgergesellschaft zu spielen und müssen nach ihren Möglichkeiten, Fertigkeiten und Fähigkeiten zu ihr beitragen.

Kommerzielle Unternehmen haben eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, die die Rechtsstaatlichkeit schafft, welche ihre Gewinne ermöglicht. Ihre Verpflichtung wird nicht nur durch das reine Entrichten von Steuern eingelöst. Die Gesellschaft ist viel mehr als eine Arena für Ausbeutung: ihr Wohlergehen ist der wahre Grund ihres Bestehens. Auch sie sind der Gerechtigkeit, dem Mitgefühl und der Ehrlichkeit, insbesondere gegenüber ihren Mitarbeitern und Aktionären, verpflichtet. Menschen sind keine Produkte, keine Ressourcen, die gekauft und verkauft, die eingeschaltet, verbraucht und weggeworfen werden. Die Produkte und Dienstleistungen, die sie verkaufen, müssen nicht nur ihre Käufer finden, sondern auch des Verkaufens wert sein.

Schlussendlich sehen wir europäischen Quäker unser Europa im Frieden mit sich selbst und mit allen anderen auf unserem kleinen Planeten und wir nehmen uns folgenden Rat zu Herzen, den George Fox uns 1656 gab:

„Seid Vorbilder, seid Beispiele in allen Ländern, an allen Orten, auf allen Inseln, in allen Nationen, wo immer Ihr hinkommt, dass Euer Verhalten und Euer Leben predigen kann in aller Herren Völker und zu diesen; dann wird es Euch gelingen, heiter durch die Welt zu gehen, und auf das Göttliche zu antworten, das in jedem von uns ist.“

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