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Wir
stellen uns ein Europa vor, das zu einer friedvollen, mitfühlenden,
offenen und gerechten Gesellschaft wird.
In
vollem Bewusstsein der Mangelhaftigkeit unseres Verständnisses,
der Schwäche unserer Entschlossenheit und der Unvollkommenheit
unseres Beitrages streben wir diese Ziele mit Liebe und Mitgefühl
an.
Wir
stellen uns Europa als Völkergemeinschaft vor, die sich selbst
und anderen Völkern gegenüber handelt wie sie gerne von
anderen behandelt würde.
Völkermord,
Sklaverei und ethnische Säuberungen haben uns allzeit begleitet.
Wir Europäer haben sie industrialisiert, zu politischen Instrumenten
gemacht und bestärken andere in ihrer Barbarei.
Wir
stellen uns ein Europa vor, dass eine Alternative zur unvermeidlichen
Selbstzerstörungssucht des Imperialismus gefunden hat.
Europas
unmittelbare Vergangenheit ist eine qualvolle Reihe von Tragödien,
die aus Expansionshunger und Verblendung des Ruhmes geknüpft
sind. Wir erkennen das Unrecht an, das wir anderen Kontinenten
und anderen Völkern zugefügt haben und müssen die
Last der Wiedergutmachung mittragen. Wir arbeiten daran, alle
diese eigennützigen und trügerischen Rassenmythen zu
Grabe zu tragen, die uns eine irregeleitete Wissenschaft mit allen
diesen konkurrierenden Nationalismen und mörderischen Ideologien,
die unser letztes Jahrhundert so sehr verunstaltet haben, aufgetischt
hat. Wir erkennen die Vielfalt der Völker und der Kulturen
der Welt an und sind darüber hoch erfreut ; wir sind bestrebt,
das Grundrecht auf kulturelle Integrität zu gewährleisten.
Wir
stellen uns ein Europa vor, dessen Erfolg an der Zahl der friedlich
und gerecht gelösten Konflikte und nicht an der Zahl der gewonnenen
Kriege oder vollzogenen Racheakte gemessen wird.
Europa
ist ein Kontinent voller – meist in Vergessenheit geratener
- Kriegsfriedhöfe und jetzt noch werden solche gegraben.
Wir dürfen diesen kataklistischen Wahnsinn, bei dem ganze
Nationen Amok gelaufen sind, niemals vergessen. Wir verabscheuen
Krieg als Mittel zur Lösung internationaler Konflikte und
verwerfen ihn radikal. Unsere Ambitionen müssen das Streben
nach Vorherrschaft meiden und eher Harmonie, Gerechtigkeit, Versöhnung
und Wohlstand für alle zum Ziel haben.
Wir
stellen uns ein Europa vor, das - aller Arroganz beraubt - seine
Verantwortung für und seine Abhängigkeit von der globalen
Umwelt akzeptiert, das unseren kleinen Planeten als ein einziges
Ökosystem, ein gerechtes Wirtschaftssystem, eine Heimat für
alle betrachtet.
Wir
erkennen unsere gegenseitige Abhängigkeit an und sind uns
dessen bewusst, dass unser Erfolg nur durch den Erfolg des gesamten
Weltsystems sichergestellt werden kann. Wir suchen eine Erde,
die wiederhergestellt worden ist und respektiert wird. Wir lehnen
eine Wirtschaft ab, in der es unvermeidlich Ausbeutung und Verlierer
geben muss. Wir streben danach, die Teile unserer Wirtschaft,
die Vernichtungsmittel herstellen, in konstruktive Tätigkeiten
umzuwandeln.
Wir
stellen uns ein Europa vor, dessen Regierungen im Dienste ihrer
Gemeinwesen stehen. Diese Regierungen müssen über private
und begrenzte Interessen hinausgehen, voller Weisheit und Vorsorge
über den Kirchturm, den nächsten Jahresbericht und die
nächste Wahl hinaus schauen, und langfristig das Gute suchen.
Eine
Regierung kann befreien, Möglichkeiten schaffen, Sicherheit
gewährleisten, den Rechtsstaat schaffen, der für die
Zivilisation, für alle menschliche Beziehungen unerlässlich
ist. Sie kann uns vor dem Chaos, vor unserem eigenen Egoismus,
vor unserer eigenen Kurzsichtigkeit schützen. Wenn eine Regierung
uns zwar nicht davon überzeugen kann, dass unsere Ökonomien
und unser Leben durch etwas anderes beseelt werden sollten als
durch Habgier – denn dies ist etwas, was wir selbst entdecken
müssen – so kann sie doch die Auswirkungen dieser Habgier
mildern.
Wir
sind uns sehr wohl dessen bewusst, was eine Regierung nicht für
uns tun kann. Sie kann unserem Leben keinen Sinn verleihen, uns
nicht glücklich machen oder uns von der Notwendigkeit befreien,
selbst in der privaten und öffentlichen Welt, in der wir
leben, unsere eigene Wahl zu treffen. Was das formale Recht nicht
verbietet, ist nicht notwendigerweise gestattet. Wir sind uns
auch voll und ganz dessen bewusst, dass Regierungen uns in vielen
Fällen unglücklich machen können und uns zu moralischen
Entscheidungen zwingen, die wir nicht zu treffen haben. Regierungen
und soziale Strukturen können unsere Seele, unseren Geist
und unseren Körper behindern und hemmen. Das Leben in der
Gemeinschaft darf uns nicht blind machen vor dem Göttlichen
in uns selbst und im anderen.
Wir
stellen uns ein Europa vor, das die grundlegende, unverbrüchliche
Heiligkeit eines jeden Individuums anerkennt.
Unser
Recht muss befreiend und schützend und nicht repressiv oder
ausbeuterisch sein und muss auf diese Weise empfunden werden.
Der Starke braucht keinen Schutz, sondern Regelungen; der Schwache
braucht das Recht für ureigenes Überleben. Unsere Rechtsvorschriften
müssen im Dienste aller stehen.
Wir
stellen uns ein Europa vor, das denjenigen, die hier ein schützendes
Dach suchen, Gastfreundschaft bietet.
Wir
sind ein Kontinent von Flüchtlingen, da viele von uns und
viele unserer Familien selbst die Flucht ergriffen haben. Legt
man die Geschichte als Maßstab an, so könnte es sein,
dass wir dies nochmals tun müssen. Wir sollten uns daher
durch die Notlage eines Fremden in einem fremden Land angesprochen
fühlen. Wir sollten auch die Probleme, die durch Ströme
von Flüchtlingen und Immigranten geschaffen werden könnten,
ehrlich anerkennen und vorsorglich damit umgehen. Die Neuankömmlinge
dürfen nicht an den Rand der Gesellschaft gestellt, sondern
müssen in die Lage versetzt werden, sich in unser Gemeinwesen
zu integrieren, wie auch wir es getan haben.
Wir
stellen uns ein Europa vor, das die unzähligen Formen anerkennt,
in denen seine Bürger ihre Meinung zum Ausdruck bringen und
das diese Bürger anhört. Das Recht auf freie Religionsausübung
und auf politische Vereinigung muss gewährleistet sein und
gefördert werden.
Das
freie Vereinigungsrecht ist für das Funktionieren einer Gesellschaft
von grundlegender Bedeutung. Einzelpersonen müssen in der
Lage sein, sich zusammenzuschließen, um sich nicht der Gefahr
auszusetzen, von einer riesigen Komplexität erstickt zu werden.
Die Vereinigungen, die sie bilden, müssen aber auch das grundlegende
Recht anderer anerkennen, sich zusammenzuschließen und nach
den Regeln unparteiischer Gesetze mit ihnen zu konkurrieren. Was
wir für uns selbst fordern, müssen wir auch anderen
gewähren. Auch die organisierte Religion muss schließlich
die jahrhundertealte Versuchung überwinden, die darin besteht,
eher aufzuzwingen als einzuladen, eher zu erzwingen als zu überzeugen.
Wir
stellen uns ein Europa unparteiischer und gerechter Strukturen vor,
ein Europa, das transparent regiert wird, ein Europa, in dem das
Subsidiaritätsprinzip der Demokratie Gehalt und Form verleiht,
in dem Informationen frei zugänglich sind, in dem Institutionen
und Einzelpersonen verantwortlich sind, in dem Integrität belohnt
wird.
Wir
wissen, dass es niemals ein System geben wird, dass so perfekt
wäre, dass niemand darin gut sein müsste. Moralische
Entscheidungen müssen von den einzelnen Menschen immer in
dem Bewusstein getroffen werden, dass ihre persönliche Verantwortung
niemals auf eine Organisation abgeschoben werden kann.
Die
Bürger müssen ihre Urteilsfähigkeit nutzen können,
wenn Demokratie mehr als nur leere Worte sein soll. Das Recht
der freien Meinungsäußerung ist eine hohle Schale,
wenn es nicht intelligent auf der Grundlage angemessener Informationen
ausgeübt werden kann. Wahrheit ist ebenso entscheidend wie
sie schwer fassbar ist. Die Medien, deren Monopolisierung durch
globale Konglomerate zu echter Besorgnis Anlass gibt, und die
Informationsorgane der Regierungen haben hier eine vitale Rolle
zu spielen, die aber aus Furcht vor der Versuchung, aus reiner
Öffentlichkeitsarbeit und Propaganda verformt zu informieren,
einer unabhängigen Überwachung bedarf.
Wir
stellen uns ein Europa vor, in dem die Privatunternehmen nicht nur
dem Gewinnstreben nachgehen, sondern auch zu der Gesellschaft beitragen,
die diese Gewinne ermöglicht. Sie haben eine wichtige Rolle
in der Bürgergesellschaft zu spielen und müssen nach ihren
Möglichkeiten, Fertigkeiten und Fähigkeiten zu ihr beitragen.
Kommerzielle
Unternehmen haben eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft,
die die Rechtsstaatlichkeit schafft, welche ihre Gewinne ermöglicht.
Ihre Verpflichtung wird nicht nur durch das reine Entrichten von
Steuern eingelöst. Die Gesellschaft ist viel mehr als eine
Arena für Ausbeutung: ihr Wohlergehen ist der wahre Grund
ihres Bestehens. Auch sie sind der Gerechtigkeit, dem Mitgefühl
und der Ehrlichkeit, insbesondere gegenüber ihren Mitarbeitern
und Aktionären, verpflichtet. Menschen sind keine Produkte,
keine Ressourcen, die gekauft und verkauft, die eingeschaltet,
verbraucht und weggeworfen werden. Die Produkte und Dienstleistungen,
die sie verkaufen, müssen nicht nur ihre Käufer finden,
sondern auch des Verkaufens wert sein.
Schlussendlich
sehen wir europäischen Quäker unser Europa im Frieden
mit sich selbst und mit allen anderen auf unserem kleinen Planeten
und wir nehmen uns folgenden Rat zu Herzen, den George Fox uns 1656
gab:
„Seid
Vorbilder, seid Beispiele in allen Ländern, an allen Orten,
auf allen Inseln, in allen Nationen, wo immer Ihr hinkommt, dass
Euer Verhalten und Euer Leben predigen kann in aller Herren Völker
und zu diesen; dann wird es Euch gelingen, heiter durch die Welt
zu gehen, und auf das Göttliche zu antworten, das in jedem
von uns ist.“
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