Der
Verfassungsvertrag - was kommt als Nächstes ?
Der
Verfassungsvertrag wurde von den Mitgliedsstaaten der Europäischen
Union verabschiedet. Er wird im Oktober 2004 unterzeichnet werden.
Jdes Mitgliedsland muß ihn dann innerhalb von zwei Jahren ratifizieren.
Die
Mitgliedsstaaten haben zwei Möglichkeiten der Ratifikation:
durch parlamentarische Mechanismen oder durch ein Referendum. Die
Verfassungen einiger Länder verlangen ein Referendum, andere
erlauben dies nicht. Die Mehrheit der Länder kann wählen.
Wenn ein Referendum nicht notwendig ist, kann eine nationale Regierung
ferner wählen, ob für sie ein Referendum bindend wäre.
Dies
bedeutet, daß die Bürger in vielen Mitgliedsländern
Entscheidungen treffen müssen:
- ob
sie an einem Referendum teilnehmen oder nicht;
- ob sie für oder gegen den Verfassungsvertrag stimmen;
- ob sie sich bei ihrer Regierung oder ihrem Parlament für
den Verfassungsvertrag einsetzen oder nicht;
- ob sie sich für oder gegen die Ratifizierung einsetzen;
ob sie sich an der Diskussion über das Für und Wider eines
Referendums beteiligen wollen;
ob sie sich für oder gegen die Abhaltung eines Referendums
einsetzen wollen.
Welche
Fragen müssen für diese Entscheidungen gestellt werden?
QCEA
hat einen Satz von Informationsblättern erstellt, die im Internet
unter www.quaker.org/qcea erhältlich sind, und welche den Kontext
un den historischen Hintergrund des Verfassungsvertrages berühren,
des Ratifikationsprozeß, positive und negative Aspekte des
Verfassungsvertrages, Hinweise auf weiterführende Informationsquellen
und Anregungen für praktisches Handeln. Wir hoffen, daß
Euch dies beim Nachdenken über diese Themen hilft.
Die
Schlüsselfragen, die über den Verfassungsvertrag gestellt
werden müssen, sind:
Was
am Verfassungsvertrag ist eigentlich wirklich neu, d. h. was würde
sich in der politischen Landschaft auf europäischer Ebene ändern?
Es ist sehr schwer, über diese Frage völlige Klarheit
zu erzielen, da sich die Struktur dieses Dokuments ziemlich von
jenen früherer Verträge unterscheidet. In unseren Handzetteln
weisen wir auf einige Aspekte hin, die neu sind, und auf andere
kontroverse Themen, die nicht neu sind.
Führt
der Verfassungsvertrag zu einer fundamentalen Änderung der
Natur der Europäischen Union? Mindestens in einer Hinsicht
tut er dies tatsächlich. Er wird die Europäische Union
zu einem juristisch existentem Objekt machen. Jedoch ist schwer
zu erkennen, daß er die Europäische Union einem föderalen
Europa näher bringen wird. Der Kompetenzbereich für die
Europäische Union wurde nicht wirklich erweitert, sieht man
von der Bereichen der Justiz und der inneren Sicherheit ("Home
Affairs") ab, in denen künftig Entscheidungen mit qualifizierter
Mehrheit getroffen werden können, statt wie bisher nach dem
Einstimmigkeitsprinzip. Dieses jedoch ist wahrscheinlich aufgrund
der "Bedrohung durch den Terrorismus" auch ohne den Verfassungsvertrag
der Fall.
Würden
die Veränderungen, die durch den Verfassungsvertrag eingeführt
werden, im Falle eines Scheiterns der Ratifizierung nicht eingeführt
werden? Da alle Mitgliedsstaaten ihn unterschrieben haben, erscheint
es wahrscheinlich, daß sie andere, möglicherweise weniger
durschaubare Wege finden würden, um die Änderungen herbeizuführen,
die sie ohnehin durchsetzen wollen.
Eine
wichtiges Thema in jeder Diskussion über den Ratifizierungsprozeß
ist, welche Frage eigentlich eigentlich in einem Referendum oder
vor einer Abstimmung an das nationale Parlament gestellt werden
soll. Welches sind die Argumente für das Pro oder Contra jener,
die die entsprechenden Kampagnen führen?
Wird
die Diskussion wirklich nur über den Verfassungsvertrag oder
aber über den Fortbestand der Mitgliedschaft in der Europäischen
Union geführt?
Würde
bei einem Referendum in Wirklichkeit nur Unzufriedenheit mit der
eigenen Regierung zum Ausdruck gebracht werden?
Hängt
die Bedeutung, die man einem Referendum beimißt, von der Höhe
der Teilnahme ab (in einigen Ländern existieren Quoren, ohne
die ein Referendum ungültig ist)?
Drückt
sich in einer niedrigen Beteiligung an einem Referendum Gleichgültigkeit
in Bezug auf die Europäische Union aus oder eher in Bezug auf
die politische Diskussion darüber im Allgemeinen?
Und
schließlich: was passiert eigentlich, wenn ein Land den Verfassungsvertrag
nicht ratifiziert? Rein juristisch gesehen bedeutet dies, daß
das ganze Projekt gescheitert ist und neu angegangen werden muß.
Praktisch könnte es bedeuten
- ein
oder mehrere Länder verlassen die Europäische Union;
- einige Länder setzen bestimmte Änderungen schneller
um als der Rest ("Europa der zwei Geschwindigkeiten")
- weitere Verhandlungen, die es Ländern, die den Verassungsvertrag
nicht ratifiziert haben, erlauben, ihren Wählern zu sagen,
daß sie Konzessionen erreicht haben. Sie könnten, auf
der Basis solcher Konzessionen, die Ratifizierung im zweiten Anlaug
schaffen.
- ein oder mehrere Länder, die ein zweites Referendum durchführen,
ob nun mit oder ohne substantielle Änderungen am Verfassungsvertrag.
Am
unwahrscheinlichsten ist, wenn nicht gerade eine Mehrheit der Länder
im Ratifizierungsprozeß scheitert, ist, daß der Verfassungsvertrag
substantiell in Bezug auf Sachfragen geändert wird, die denjenigen
wichtig erscheinen, die gegenwärtig gegen ihn opponieren.
Ein
Beispiel ist die Militarisierung der EU, die in den Verfassungsvertrag
geschrieben worden ist. Dies ist neu; es stellt die Weiterführung
einer Politik dar, die im Verlauf der vergangenen zehn bis zwölf
Jahre schleichend Einzug in europäische Politik gehalten hat.
Dies ist bedauerlich, nicht zuletzt, weil es im Widerspruch zur
UN-Charta steht. Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß sich
daran durch eine Nicht-Ratifizierung des Verfassungsvertrages irgendetwas
ändern würde, ganz einfach, weil sich darin eine politsche
Denkrichtung manifestiert, die durch die Regierungen der Mitgliedsstaaten
unterstützt wird.
Die
Handzettel von QCEA weisen Handlungsmöglichkeiten auf, ohne
sich dabei eine bestimmte Sichtweise auf den Verfassungsvertrag
zu eigen zu machen, die aber verdeutlichen, wie wichtig es ist,
sich jetzt an der Diskussion zu beteiligen. Die nationalen Regierungen
haben es eilig damit, die Ratifikation durchzubekommen. Das ist
ein guter Ausgangspunkt für den Beginn eines Dialoges. Wenn
die Friedensbewegungen ihre Bemühungen europaweit koordinieren
könnten, gibt es eine kleine Chance, Fortschritte zu erzielen
als Gegenleistung für eine breite Zustimmung zum Verfassungsvertrag
insgesamt.
Martina
Weitsch
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Inhaltsverzeichnis
Buchbesprechung
“Right
Time, Right Place” („Zur rechten Zeit am richtigen Ort“)
von Christopher Audland.
Memoir Club, Stanhope, Weardale, County Durham. 2004. ISBN 1 84104
091 6. 20,-- Pfund. Mag
sein, dass es nicht genau dem Geschmack der Freunde entspricht,
aber ein kürzlich erschienenes Buch, das über meinen Tisch
ging, verdeutlicht sehr lebendig die Wahrheit, dass Geschichte von
Männern – und Frauen – gemacht wird, weit mehr
als von abstrakten Kräften und Institutionen. „Right
Time, Right Place“ ist die Autobiographie Christopher Audlands,
der acht Jahre lang stellvertretender Generalsekretär der EG-Kommission
war. Dann wurde er Generaldirektor für die Energiepolitik,
und vor etwas über fünfzehn Jahren trat er in den Ruhestand.
Das
Faszinierende an diesem Buch – und es ist die erste Biographie,
die ich von einem Briten in leitender Stellung in europäischen
Institutionen gesehen habe, – ist das überwältigende
Engagement und sein Einsatz für die Integration Europas, die
den Autor von den ersten Anfängen seiner Laufbahn antrieb,
lange bevor es den Gemeinsamen Markt oder die EWG gab. Seine Schulzeit
fiel in den Krieg, ab 1944 diente er in der Royal Artillery und
war als junger Offizier in Ägypten, Palästina und Griechenland.
Diese frühen Erfahrungen mit den Nachwirkungen des Zweiten
Weltkriegs und die schweren Schatten des Ersten Weltkriegs, die
seine Generation belasteten, drängten ihn – durch seine
Laufbahn im diplomatischen Dienst in Deutschland, im Europarat,
in Washington und später in Brüssel – nach friedlichen
Lösungen für die Probleme zu suchen, die frühere
Generationen und seine eigene so viel gekostet hatten.
Die
Freunde werden die Art und Weise des Glaubens zu schätzen wissen,
die sich in diesem Buch offenbart durch jemanden, der eine „starke
christliche Tradition“ anerkennt, geprägt durch Familie
und Schule, aber einräumt, nicht mehr als „im Grunde“
<Church of England> zu sein. Sein Berufsleben jedoch, wie
es in diesem Buch offenbar wird in einer ansprechenden Mischung
von nüchterner Beschreibung, Bescheidenheit und Untertreibung,
bezeugt seinen tatkräftigen Einsatz durch seine Arbeit.
Es
lohnt sich, dieses Buch zu lesen, um zu sehen, wie die Entwicklung
der Europäischen Union jemanden von seiner Generation stark
beeindruckte, der auch eine Position bekleidete, um dort seine Spuren
zu hinterlassen.
Martyn
Bond
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